Dienstag, 18. Juni 2013

Adam Johnson - "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do"


























In Nordkorea wächst ein kleiner Junge im Waisenhaus auf und beginnt von dort aus eine abenteuerliche Reise durch die verschiedenen Lebenswelten Nordkoreas. Er wird Entführer, Spion, Reisender, Gefangener ... Doch wer ist Jun Do wirklich?
Ein Roman, der in das fremde Land Nordkorea entführt und Einblicke in verschiedene außergewöhnliche Leben gibt. 






Hoch gelobt wurde dieser Roman und sogar mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Warum? Tja, ich habe keine Ahnung, denn abgesehen von der Tatsache, dass das Buch ein wirklich brandaktuelles Thema behandelt, konnte ich ihm nicht viel Gutes abgewinnen. Allein die Zusammenfassung des Inhaltes fällt mir unglaublich schwer. Den Schreibern des Klappentextes ging es scheinbar ähnlich, denn im Grunde gibt dieser gar nicht wieder, um was es im Buch geht. Er weckte völlig falsche Erwartungen bei mir, die später nicht erfüllt wurden und vielleicht lässt mich das Buch gerade deshalb so rat- und orientierungslos zurück.

Womit habe ich also gerechnet? Mit einer Geschichte, die sich um einen Waisenjungen dreht, der in Nordkorea aufwächst. Mit Alltagsbeschreibungen des Lebens in diesem Land. Mit viel Hintergrundwissen. Mit einer Konfrontation des Jungen mit der westlichen, modernen Welt. Mit irgendetwas Ergreifendem.
Doch was habe ich stattdessen bekommen? Eine Handvoll Seiten mit der Kindheit Jun Dos und anschließend eine lange Aneinanderreihung seltsamer Begebenheiten, in die er verwickelt wird, alle fast zusammenhanglos, und ohne dass mich sein "Schicksal" wirklich berührt hätte - es ist einfach zu absurd dazu. Erst zur Hälfte des Buches ergibt sich so etwas Ähnliches wie ein roter Faden, doch genau da bricht der Autor mit der Geschichte, macht einen gewaltigen Zeitsprung, wechselt den Erzählstil und führt eine völlig neue (Haupt?) Person ein. Die gute Seite daran war, dass ich mit dem neuen Ich-Erzähler deutlich mehr anfangen konnte, als mit Jun Do, denn endlich wurde mir ein wenig aus dem Alltag eines Nordkoreaners erzählt und ich bekam zumindest ein paar Brocken der Geschichte vorgeworfen, die ich mir erhofft hatte. Die schlechte Seite hingegen ergab sich aus den nun ständig wechselnden Perspektiven, Zeiten und Erzählweisen, die nun erneut keinen richtigen Lesefluss aufkommen lassen wollten.

Das ganze Buch hindurch konnte ich mit dem Protagonisten nichts anfangen, denn beliebiger kann eine Figur nicht konstruiert werden. Wahrscheinlich ist es so gewollt, da Menschen in Nordkorea nunmal scheinbar völlig austauschbar sind, aber für einen Roman dieser dicke ist es dennoch denkbar ungeeignet, wenn man keinen Bezug zur Hauptperson hat. Dass der Autor es auch anders kann, zeigt er mit dem Auftreten der namenlosen zweiten männlichen Hauptperson gegen Mitte des Romans. Leider tritt er zu selten auf, denn er ist so ziemlich die einzige Person, mit der man wirklich mitfühlen kann und die einem mehr vom Land zeigt.

Am meisten gestört hat mich aber eigentlich der Schreibstil. Er ist größtenteils herrlich sarkastisch und ironisch, was ich in einem Buch mit einer anderen Thematik sehr genossen hätte. Hier sorgt dieser Erzählstil aber für Verwirrung, denn er lässt die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zu sehr verschwimmen und ich wusste als Leser nicht mehr, wann von wirklichen Begebenheiten gesprochen und wann maßlos übertrieben wird. Zwar haben mich viele Beschreibungen dazu angeregt, mich mal etwas genauer zu informieren, aber mit dem Roman alleine steht man doch ziemlich einsam auf weitem Flur und kann mit dem, was man gerade gelesen hat nur wenig anfangen. Wie es dabei Lesern ohne jegliches Vorwissen gehen muss, mag ich mir gar nicht erst ausmalen.

Entgegen der Beschreibung im Klappentext sieht man also keinem Jungen beim Aufwachsen in Nordkorea zu und man beobachtet auch nicht wirklich seine Gehversuche in der westlichen Welt. Man wird nur von einer Absurdität in die nächste geworfen und ist sich schnell sicher, dass zwar Vieles in Nordkorea geschehen kann, aber Jun Dos Geschichte dann doch etwas zu weit aus der Luft gegriffen wurde. Es ist schade, dass ein Roman, der so viel verspricht, am Ende nur so wenig davon hält. Er regt zum Nachdenken an und ansatzweise hat mich der Inhalt auch berührt, dann aber eher, weil ich mich noch anderweitig informiert hatte. Für sich alleine stehend hat der Autor meiner Meinung nach nur eine mittelmäßige Leistung abgeliefert.



Verlag: Suhrkamp
Seiten: 687
ISBN: 978-3518464250
Preis: 22,95 € (Hardcover)
Erscheinungsdatum: 11. März 2013

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