Dienstag, 22. Oktober 2013

Jürgen Seidel - "Das Paradies der Täter"


























In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts wird Südamerika gleichermaßen zum Fluchtpunkt für Nazis und Juden. Auch die Familie von Tom zieht nach Argentinien, um die Taten seines Vaters in Deutschland zu verwischen. Am Collegio Friedrich trifft Tom aber nicht nur auf andere Kinder von Nazis, sondern auch auf jüdische Kinder, die hier alle zusammen unterrichtet werden. Tom schämt sich für seinen Vater, auch wenn er nicht genau weiß, was dieser getan hat und stellt sich auf die Seite der Juden. Er lügt, dass sich die Balken biegen, verschweigt seine Herkunft und verstrickt sich immer mehr in sein Lügennetz, um die jüdische Walli zu beeindrucken.






Ich stehe diesem Buch sehr zwiegespalten gegenüber. Einerseits fand ich den Aufhänger überaus interessant. Die Tatsache, dass Kinder von Nazis und jüdische Kinder zusammen an einer Schule unterrichtet werden, dass beide Gruppen quasi Tür an Tür im fernen Argentinien leben, bietet viel Konfliktmaterial und vor allem auch eine Sicht, die ich so noch nicht gelesen habe. Andererseits muss ich sagen, dass mich das Buch irgendwie einfach überfordert hat. Anfangs dachte ich, es liegt an meiner aktuellen Lesestimmung, legte es zur Seite und fing es später nochmal an. Aber es half nichts, ich fand mich einfach nicht rein und kämpfte mich nur Stück für Stück durch. Obwohl es ein Jugendbuch sein soll, fühlte ich mich, als würde ich mich durch einen russischen Klassiker kämpfen.

Für jeden Germanisten ist "Das Paradies der Täter" sicher ein Hochgenuss. Der Autor beherrscht die deutsche Grammatik bis ins letzte Detail und zeigt dies auch. Ich habe noch nie so viele Konjunktive auf einem Haufen gelesen. Grammatikalisch mag das richtig sein, für den Lesefluss ist es aber doch leicht hinderlich. Statt Szenen direkt zu beschreiben, werden sie aus Toms Sicht erzählt und so muss man manchmal dreimal um die Ecke denken, um zu verfolgen, wer denn nun gerade am Zug ist. Plötzliche Zeitsprünge taten dann ihr Übriges zur Verwirrung.

Die Figuren sind zahlreich. Tom ist gut beschrieben und ich hatte ihn immer vor Augen. Alle anderen blieben aber doch eher blass und es ist wohl der Anzahl der Personen geschuldet, dass ich irgendwann den Überblick verlor. Und wenn man erstmal die Personen durcheinander wirft, wird die Story bald verwirrend und die Zusammenhänge gehen flöten. Ich verlor den roten Faden, sofern es denn einen gibt, und wusste bald schon nicht mehr, worauf die Geschichte denn nun hinaus will. Die einzelnen Ereignisse sind dabei durchaus interessant, teils schockierend und auch spannend, aber das große Ganze verlor sich irgendwie.

Für mich ist "Das Paradies der Täter" kein Jugendbuch. Zwar ist die Hauptfigur Tom ein Jugendlicher der 50er Jahre, aber der Handlungsbogen, die Zahl der Personen und nicht zuletzt der anspruchsvolle Schreibstil machen das Buch zu schwerer Kost. Die Sprache ist kunstvoll und korrekt und für jeden Sprachliebhaber ist das Buch sicher ein Genuss. Für mich präsentierte sich der Roman dadurch aber ziemlich sperrig und war trotz des guten Themas schwer zu bewältigen.



Verlag: cbj
Seiten: 400
ISBN: 978-3570155776
Preis: 16,99 € (Hardcover)
Erscheinungsdatum: 18. März 2013
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